Eine Predigt aus aktuellem Anlass

„Man muss in einer Predigt nicht zu allem was sagen“, so hat mir eine Dame in der letzten Woche in der Mail geschrieben.
Und ich finde, sie hat recht:
Man muss nicht immer alles kommentieren, was in der Welt los ist.
Es gibt aber Themen, zu denen kann und darf ich als Priester nicht schweigen.
Ich meine da zwei Themen, die in den vergangenen Wochen intensiv durch die Medien gingen:
Das Eine ist der Bericht von unabhängigen Gutachtern zum Umgang des Bistums München mit Missbrauchsfällen an Schutzbefohlenen durch kirchliche Behörden von 1945 bis in die Gegenwart.
Dabei sind gravierende Mängel im Umgang mit straffällig gewordenen Geistlichen festgestellt worden.
Es sind Fehler von Verantwortlichen gemacht worden, die bis hin in die höchste Hierarchie unserer Kirche reichen.
Ehemaligen Erzbischöfen wird vielfaches Fehlverhalten, ja sogar Lüge vorgeworfen und in den meisten Fällen Wegsehen und Ignorieren.

Die Folge davon ist, dass seit Bekanntwerden hunderte Menschen die Standesämter in ganz Bayern stürmen, um aus der katholischen Kirche auszutreten.
In manchen Städten ist zusätzliches Personal eingestellt worden, damit der Ansturm bewältigt werden kann.
Es wiederholt sich das, was sich im vergangenen Jahr in Köln schon abgespielt hat.
Und ich gehe davon aus, dass auch wir es spüren werden, denn viele werden auch in unsrer Pfarrei unserer Kirche den Rücken kehren.
Unsere Sekretärinnen, Frau Maus und Frau Kotulla, werden diese Bescheinigungen in den kommenden Tagen auf den Schreibtisch bekommen.

Dass in Kontext der Kirche viel Leid verursacht wurde, wissen wir spätestens seit den ersten Aufdeckungen 2010, also vor 12 Jahren, im Canisius Kolleg.
Dass man natürlich immer aufpassen muss, weil die Medien selektiv, also unvollständig berichten, das wissen wir auch.
Dass sich vieles in den Bistümern seit 2010 geändert hat und wir das in unserem Bistum unter Bischof Kohlgraf auch deutlich merken, müssen wir immer wieder unterstreichen! Ich hoffe, dass der Umgang 2022 nicht mehr so ist, wie 1945.
Und dennoch bin ich über die Selbstherrlichkeit und Ignoranz einiger Würdenträger nicht nur verwundert, sondern richtiggehend verärgert.
Obwohl sie der Lüge, des Fehlverhaltens und damit auch einer gewissen Mitschuld überführt wurden, leugnen sie, relativieren, verteidigen sich, ja bieten großmütig ihr Gebet an.
Dabei sollten sie nur eins tun, nämlich das, was Jesus sagt:
„Kehrt um! Tut Buße! Bekennt eure Sünden.“
Aber es ist noch viel perfider:
Ein namhafter, deutscher Kardinal hat in der vergangenen Woche auf einem Internetportal verlautbaren lassen, er habe zwar das Gutachten nicht selbst gelesen, aber er wisse genau, dass es nicht stimme. Es seien böse Mächte am Werk, die die Kirche angreifen wollten.
Bei allem Respekt vor dem Amt des Kardinals und seinen Verdiensten, schäme ich mich.
Ich schäme mich, dass man Opfer von sexualisierter Gewalt im Nachhinein noch zu Tätern macht, indem man ihnen vorwirft, sie seien die bösen Mächte, die die Kirche angreifen.
Ich kann deshalb nur die Worte unseres Bischofs wiederholen: „aus dem Stolz, für Jesus Christus unterwegs zu sein, ist bei mir immer wieder auch Scham geworden und der Wunsch, die Erde möge sich unter mir auftun.“ (Stellungnahme zum Gutachten)

Das zweite Thema, was in den vergangenen Tagen für Aufmerksamkeit gesorgt hat, ist das Comingout von 125 kirchlichen Mitarbeitern als queer.
In einer Reportage der ARD bekennen sich Männer und Frauen, Priester, Ordensleute, Mitarbeiter der Caritas, Seelsorgerinnen und Seelsorger, Religionslehrerinnen und Lehrer, Ärzte und Pflegepersonal in katholischen Krankenhäusern als homosexuell, transidentisch, queer.
Und sie berichten – teilweise unter Tränen – wie mit ihnen von Seiten der Kirche umgangen worden ist und umgegangen wird.
Da ist die Rede von Angstmache, Drohung und Erpressung.
Viele wurden entlassen, dürfen nicht mehr das ausüben, wozu sie sich von Gott berufen fühlen.
Ja, Rom schafft es sogar, Gott vorzuschreiben, dass all diese Menschen in seinem eigenen Plan nicht vorgesehen sind.
Und dennoch: viele dieser Menschen sind noch dabei.
Sie halten es aus, bleiben diskret, verstecken ihre sexuelle Orientierung und ihre Partnerschaft, führen ein Doppelleben.
Sie haben die Kirche nicht verlassen, sie halten die Diskriminierung und das menschenverachtende Vorgehen aus.

Warum eigentlich?
Warum werfen sie nicht alles hin und suchen sich eine andere Perspektive, eine andere Arbeit, in einem System, das sie nicht verurteilt?
„Ja, warum trittst du nicht eigentlich aus? Wirst evangelisch oder altkatholisch? Auch die brauchen gute Pfarrer!“ – so fragen auch mich Menschen, wenn sie diese Berichte sehen und meine eigene Ratlosigkeit, meine Sprachlosigkeit und meinen Ärger dazu erleben.
Ja, warum?
Warum treten Sie nicht aus, liebe Schwestern und Brüder?

Ich kann ihnen sagen wozu ich nicht austrete:
Die Antwort für sich selbst, müssen Sie selbst finden.
Ich bin noch dabei, weil ich Jesus und die Kirche zu sehr liebe;
weil ich die römisch-katholische Kirche nicht denen überlassen will, die anderen Angst machen, die Macht suchen und nicht Liebe, die das Kirchenrecht über das Wort Gottes stellen.
Ich will den katholischen Glauben nicht denen überlassen, die ihn verdrehen, die Opfer zu Tätern machen, die ihre Macht missbrauchen und den Schutz des Systems vor das Heil der Menschen und ihrer Seelen stellen.
Ich will nicht, dass die römisch-katholische Kirche von einer Weltkirche zu einer kleinen konservativen Sekte wird, in der geschichtsvergessen und menschenverachtend ein verzerrtes Gottesbild vermittelt wird.
Ich bleibe, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es für mich sinnvoller ist, Sand im Getriebe zu sein, als das sinkende Schiff zu verlassen.

Und ich bitte Sie an dieser Stelle auch: bleiben Sie dabei.
Geben Sie nicht auf.
Lassen Sie uns gemeinsam all das benennen und aushalten, was falsch, schmerzlich und sündhaft in unsrer Kirche ist.
Vielleicht können wir dies mit einer Wunde vergleichen: Erst wenn der Eiter ganz raus ist, kann die Wunde heilen.

Glauben wir an die Kraft, die Jesus seiner Kirche gegeben hat, aber eben nicht als Machthaberin, als Herrscherin, sondern als Dienerin.
Vertrauen wir dem Heiligen Geist und gestehen wir Verfehlungen ein, um einen Neuanfang zu wagen.
Und vor allem: sollten Sie selbst im Kontext der Kirche von Unrecht gegenüber anderen Menschen erfahren:
ob Schutzbefohlenen, Homosexuellen oder wem auch immer gegenüber: haben sie keine Angst, dieses Unrecht zu benennen und entsprechende Schritte einzuleiten.

Man muss in einer Predigt nicht immer zu allem was sagen, aber als Christen dürfen wir zu Unrecht, Diskriminierung und Sünde in unserer eigenen Kirche nicht einfach nur schweigen.