Sonntagspredigt und Ermutigung zum pastoralen Weg

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus

In jener Zeit traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu Jesus und sagten:
"Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst."
Er antwortete: "Was soll ich für euch tun?"
Sie sagten zu ihm:
"Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen!"
Jesus erwiderte:
"Ihr wisst nicht, um was ihr bittet.
Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke,
oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?"
Sie antworteten:" Wir können es."
Da sagte Jesus zu ihnen:
"Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke,
und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde.
Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben;
dort werden die sitzen, für die es bestimmt ist."
Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.
Da rief Jesus sie zu sich und sagte:
"Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten,
ihre Völker unterdrücken
und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen.
Bei euch aber soll es nicht so sein,
sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,
und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.
Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen,
um sich dienen zu lassen,
sondern um zu dienen
und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Mk 10, 35–45

Predigt zum 29. Sonntag B 2021 – 17.10.2021

Können Sie die Bitte des Jakobus und Johannes verstehen?
Dass sie gerne im Himmelreich neben Jesus sitzen wollen?
Oder sind Sie eher entrüstet darüber – wie de übrigen jünger im Evangelium?

In der Frage, ob die Beiden im Himmelreich an Jesu Seite sitzen dürfen, kann man ein unverschämtes Vordrängeln, Amtsanmaßung oder den Versuch, sich die beten Posten zu sichern, sehen.
Gleichzeitig ist es aber auch ein Ausdruck dafür, dass sie an das, was Jesus sagt, auch wirklich glauben.
Sie rechnen fest damit, dass das Gottesreich kommen wird und sie wollen ihren Beitrag dazu leisten.
Sie sind also bereit ihre Aufgabe zu erfüllen, Verantwortung zu übernehmen.

Jesus macht ihnen auch keine Vorwürfe.
Er fragt vielmehr, ob sie sich der Tragweite ihrer Frage bewusst sind.
Er ahnt bereits, dass er für dieses Gottesreich leiden wird, dass man ihn und seine Lehre ablehnen wird, dass er dafür sterben wird.
Wollen, können das seine Jünger auch?
Die beiden Brüder stimmen zu: „Wir können es.“
Ist es Naivität, jugendlicher Leichtsinn oder Idealismus?
Ein Wort des Erasmus von Rotterdam bringt ihre Situation auf den Punkt: „dulce bellum inexpertis“ – Nur die, die keine Ahnung haben, können sich begeistern für den Krieg.
Nur wenige Seiten müssen wir in der Bibel vorblättern und wir werden lesen, dass Jesus im Leiden alle verlassen haben, nur wenige Frauen blieben bei ihm unter dem Kreuz.

Bei der Passion Jesu fliehen die Jünger also – später dann werden sie die Ernsthaftigkeit des Gottesreiches am eigenen Leib erfahren, DOCH den Platz im Himmel können sie sich nicht im Vorhinein sichern.

Nicht einmal Jesus kann ihnen diese Bitte erfüllen.
Und es ist doch beachtlich, was Jesus von sich selbst sagt:
Er ist nicht derjenige, der entscheiden wird, wer, wo im Himmelreich einen Platz hat.
Er ist nicht derjenige, der richten wird, wer hineinkommt oder nicht.
Gott allein ist einziger und wahrer Richter.
Im Laufe der Geschichte hat die Kirche mit ihren Dogmen und Lehraussagen Jesus aber genau zu dem gemacht, was er an dieser Stelle ablehnt:
Im Glaubensbekenntnis beten wir ja, Jesus würde wiederkommen zu richten die Lebenden und die Toten.

Und damit sind wir beim Thema Kirche! Und dem, was sie aus der Botschaft Jesu macht.
Die Bibelexegeten gehen davon aus, dass die Jünger im Evangelium die Kirche darstellen sollen.
Der Streit um Posten und Ränge, um Würden und Titel, um Privilegien und Eitelkeiten ist der Kirche auch nicht fremd.
Da gibt es welche, die Posten wollen, und andere, die es ihnen neiden, die es aufregt, die sich darüber aufregen.

Doch Jesus verbietet ausdrücklich, sich in Sachen Gottes genauso eitel, anmaßend und herrschsüchtig zu benehmen, wie in allen anderen Fragen des öffentlichen Lebens.
Es gibt wenig Worte Jesu, die so politisch sind wie diese:
Das Reich Gottes hat nicht nur nichts gemeinsam mit den Reichen dieser Welt, es ist das direkte Gegenteil dazu.
Denn im Gottesreich geht es nicht um Macht, Ansehen und Einfluss, sondern um die Bereitschaft zum Dienen:
„Wer bei euch groß sein will, soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.“
Dabei geht es nicht um Zurückhaltung und Bescheidenheit in der Ausführung der Aufgabe.
Dienen, Sklave sein meint:
dem anderen von Nutzen zu sein, das zu tun und so zu sein, wie mein Gegenüber es braucht.
Wer Herrscht, wer Macht ausübt, der meint zu wissen, was seine Untertanen brauchen und wollen.
Der entscheidet, richtet darüber, was gut ist für sie und wie sie zu sein haben

Wer aber dient, der fragt: „Was kann ich für dich tun? Was brauchst du? Wie kann ich dich unterstützen, dass du das erreichst, was du willst?“

Das wünscht sich Jesus – so soll es bei uns sein.
Keine Kirche, die von oben herab weiß, was gut und schlecht ist für ihre Gläubigen, die vorverurteilte und aussortiert;
die weiß, welche Menschen den Segen Gottes verdienen und welche nicht;
die festlegt, wer den Leib des Herrn empfangen darf und wer nicht;
die entscheidet, wer von Gott berufen ist.
Jesus wünscht sich eine dienende Kirche, die fragt: „Was brauchst du für dein Leben und dein Seelenheil?“

„Bekommen die Menschen das, was sie brauchen? Brauchen sie das, was sie bekommen?“
Das ist die Grundfrage, die Bischof Peter Kohlgraf uns Gläubigen im Bistum Mainz auf den pastoralen Weg mitgegeben hat.
Für mich schimmert darin die Hoffnung, dass in dieser Frage und einer solchen fragenden Herangehensweise ein Wandel für unsere Kirche beginnen kann.
Nicht meinen zu wissen, was gebraucht wird.
Sondern wie Diener, ja wie Sklaven, zu fragen: „Was braucht ihr? Was können wir für euch tun?“

Jesus verurteilt also nicht, dass es Leitung gibt in der Kirche, dass es Menschen gibt, die die Richtung vorgeben und vorangehen.
Er kritisiert, wenn sie das nicht aus Bereitschaft zum Dienen, sondern aus Egoismus tun, um sich selbst besserzustellen.
Deswegen müsste gelten: jeder und jede, die eine Aufgabe, eine Funktion, ein Amt in der Kirche übernimmt, sollten ihre Gläubigen stehts danach fragen: „Was kann ich für dich tun? Was brauchst du? Wie kann ich dir helfen, deinen Glauben zu leben?“

Doch bevor wir bei Kirche und ihren Ämtern hängen bleiben, fangen wir doch zu Hause an – in der Familie, in unseren Freundschaften, in der Nachbarschaft…
Werden wir auch da dienend und fragen wir uns immer wieder gegenseitig:
„Was kann ich für dich tun? Was brauchst du? Wie kann ich dir helfen, deinen Glauben zu leben?“

Pfarrer Christoph Nowak