23. Sonntag im Jahreskreis - Predigtgedanken

06.09.2020 - 23. Sonntag im Jahreskreis A - Predigtgedanken

„Herr Kleespies, der Dennis hat mein Mäppchen genommen!“

Als ich noch in der Schule unterrichtete,
da war ein Satz wie dieser ganz alltäglich.

Wer Kinder kennt, kennt solche Szenen.
Petzen nennt man es abfällig.
Und Kinder tun das in aller Regel recht gern.
Wenn man die Fehler der anderen laut anklagt,
dann steht man selber vermeintlich besser da.
Deshalb machen Kinder so etwas.

Manchmal aber tun sie es aus einem ganz anderen Grund.

Wenn ein Kind zur Mama kommt und "Mama!" sagt, "Mama, hast Du gesehen, dass die Katharina mir schon wieder weh getan hat..." dann kann das auch "Mama hilf mir!" heißen,
dann kann das bedeuten, dass ein Kind sich einfach nicht mehr zu helfen weiß,
und dass die Mutter einschreiten soll, dass sie der Katharina beibringen soll,
ein für alle Mal damit aufzuhören, ihr weh zu tun.

Manchmal brauchen Kinder das.
Manchmal brauchen sie die Mama oder den Papa, die dann hilfreich zur Seite stehen.
Mit fortschreitendem Alter werden diese Hilferufe dann aber schlagartig weniger,
denn je älter Menschen werden, desto seltener holen sie die Mama oder den Papa zu Hilfe -
so sollte man zumindest meinen.

Nur, wenn man genau hinschaut, dann sieht es - denke ich - etwas anders aus,
dann sieht es so aus, als ob viele Menschen gerade in diesem Punkt nicht so recht erwachsen werden.

Sicher, man ruft dann nicht mehr die Eltern zu Hilfe,
Erwachsene scheinen sich da vielmehr so etwas wie eine Ersatzautorität zu suchen.
Die Polizei,
der Pfarrer, die Chefin oder wer auch immer scheinbar etwas regeln kann.
Und nach dem wird dann gerufen, wenn man mit irgendjemandem nicht zurechtkommt.

Ich denke jetzt nicht an schwerwiegende Übergriffe,
Situationen, in denen man sich Hilfe holen muss
um sich zu schützen.
Nein,
ich meine den Normalfall,
die ganz alltäglichen Schwierigkeiten und Reibereien mit Kollegen, mit Bekannten,
mit Menschen aus unserer Umgebung eben.

Da erinnern mich so manche Sätze ganz stark an das, was man von Kindern so kennt.

"Haben Sie eigentlich schon bemerkt, was Herr und Frau Sowieso da wieder gemacht haben?"
wird da dem Pfarrer, dem Vorgesetzten oder einer Bekannten mal so im Vorbeigehen gesteckt.
Und meistens meinen solche Sätze auch noch,
dass sich die Autoritätsperson doch um diesen Fall kümmern soll.

"Sagen Sie der ruhig einmal, dass das so nicht geht!“

Und meist wird dann noch hinzugefügt: "Aber erwähnen Sie ja nicht, dass Sie das von mir haben!" -

 

An solche Szenen musste ich denken, als ich im Evangelium auf die Stelle hingestoßen wurde,
in der Jesus davon spricht, dass man zu seinem Bruder oder seiner Schwester hingehen soll, wenn irgendetwas schief läuft.

Wenn mir etwas sauer aufstößt,
wenn mir etwas weh getan hat
oder wenn mir irgendetwas einfach nicht gefällt,
dann soll ich als erstes selbst hingehen
und die Sache unter vier Augen ansprechen.

Wenn mit Deinem Bruder etwas ist, dann geh zu ihm, geh zuerst selbst zu ihm, und rede mit ihm unter vier Augen!

Und erst dann,
wenn alles Miteinander-Reden nicht hilft,
erst dann, wenn das wirklich probiert wurde,
dann mag man andere hinzuziehen.

Kinder rufen nach den Eltern.

Dies nicht mehr nötig zu haben,
für sich selber sprechen zu können,
nicht über, sondern mit dem anderen zu reden, das ist ein Zeichen der Reife.

Nur müssen wir das, wie alles auf der Welt, wohl erst mühsam lernen.
Denn es ist ja so viel leichter, über andere zu reden,
wie schwer fällt es doch den meisten
und wieviel Überwindung kostet es,
andere direkt, auf etwas Problematisches anzusprechen,
nicht über ihn zu reden,
sondern mit ihm.

Aber genau das ist es, was Jesus uns heute offensichtlich mit diesem Abschnitt des Evangeliums wieder neu bewusst machen möchte.
Nicht übereinander, sondern miteinander sprechen, das ist es, was den reifen Menschen auszeichnet,
und damit auch Wesenszug eines Christen.

Eine Verhaltensregel für jede christliche Gemeinde.

Damit stellt das Evangelium uns heute eine ganz konkrete Aufgabe,
eine Aufgabe,
die nicht ganz einfach ist.

Und die besteht darin,
nicht übereinander,
sondern gerade auch bei Konflikten und Meinungsverschiedenheiten:
miteinander zu reden.

Amen