Predigt zu Christi Hmmelfahrt

21. Mai 2020, Christi Himmelfahrt - Predigtgedanken

"Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?", fragt der Engel die Jünger, die nach oben starren, wohin der Auferstandene "vor ihren Augen" emporgehoben wurde. Die meisten Ausleger sagen: Das bedeutet, sie sollen nicht nach oben starren, sondern zur Erde, auf das was hier zu tun ist.

Aber das steht nicht da in der Apostelgeschichte. Da steht:
"Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen."

Wenn Christen zum Himmel schauen, dann ist das also ein Blick nach vorne, nicht nach hinten.
Zumindest sollte es so sein.
Faktisch bringen wir statt dessen häufig unsere Zeit damit zu, auf eine Verbesserung unserer Vergangenheit zu hoffen.
Dabei ist kein Hoffen so vergeblich wie dieses.

Wenn nur dieses oder jenes anders gekommen wäre,
wenn du oder ich damals anders entschieden hätte,
wenn diese oder jene Chance nicht ungenutzt verstrichen wäre,
wäre, hätte ....

Dass Jesus in den Himmel aufgenommen wurde, ist ein Versuch uns klar zu machen,
dass wir nicht an unserer Vergangenheit scheitern können.

Himmelfahrt sagt uns, dass selbst die Kreuzigung des Gerechten, durch uns Menschen nicht die Zukunft von Gottes Plan zerstören konnte.

Jesus, der sichtbar in die Wirklichkeit Gottes aufgenommen wird, ist es, der unsere Wirklichkeit umfasst, trägt und unendlich übersteigt.

Schaut zum Himmel!
Von dort her werdet ihr die Rettung kommen sehen.
Schaut zum Himmel und begreift, dass Gottes Gedanken unsere Gedanken so weit übersteigen, wie der Himmel über der Erde ist.

Der Blick in den Himmel befreit uns von der Verhaftung in der Vergangenheit, die uns oft genug belastet.
'Frauen sind nicht nachtragend', hat unlängst eine Frau bei uns gesagt, 'sie sind nicht nachtragend, sie archivieren'.
Das wird nicht für alle Frauen stimmen, wie auch nicht alle Männer so vergesslich sind, wie ich, und deswegen besser im Vergeben wären.

Für uns liefert die Vergangenheit oft genug das Material, um uns die Zukunft zu blockieren, wenn wir eigene oder fremde Schuld nicht loslassen können.

Gottes Zukunft dagegen ist Heilung, Vergebung, Barmherzigkeit, neue Schöpfung.

Das rätselhafte Wort des Engels sagt: Ihr werdet Christus ebenso vom Himmel her wiederkommen sehen, "wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen".
Für die Apostel damals bedeutete das die Gewissheit, dass Jesus nicht auf und davon ist, sondern von Gott her gegenwärtig bleibt
und einst Gottes Wirklichkeit unter uns vollenden wird,
in diesem Kosmos, der unsere Welt ist, in der wir leben.

Die Apostel sollen in Erwartung dieser Wiederkunft leben und miteinander Kirche sein.

Daraus nun wird der eigentümliche Spagat von uns Christen.

Wir schauen zum Himmel, fest in der Erwartung, dass von dort her und nicht von der Erde her die Zukunft kommt.

Aber dort, im Himmel, in der Wirklichkeit Gottes, sehen wir Jesus Christus. Er ist der Menschensohn, Gottes Gegenwart unter uns,
unsere Gegenwart in Gott.
Wenn wir zu Gott schauen, dann sehen wir Christus, Gottes Hinwendung zu den Menschen.
Wir sehen zum Himmel und lernen die Erde zu sehen.

Zum Himmel schauen bedeutet hier natürlich nicht nur die Nase in die Luft zu recken.
Oder tagträumerisch und selbstvergessen vor sich hin zu sinnieren.

Zum Himmel schauen meint alles, das uns der Wirklichkeit Gottes näher bringt.
Gebet, Gottesdienste, Meditation, Schriftlesung, Glaubensgespräche, Theologische Bücher, Vorträge und Sendungen.

Die Botschaft des Engels von Himmelfahrt bedeutet in diesem Sinn:

Schaut zum Himmel!
Schaut täglich aus nach dem kommenden Herrn, in dem Bewusstsein, dass er kommen wird - und ihr werdet die Erde entdecken.

Wenn ihr sehen wollt, wie ihr hier auf Erden als Christen und als Gemeinschaft der Kirche leben könnt,
dann geht das nur, wenn ihr Gott fest in den Blick nehmt.

Schaut nicht zum Himmel, um einer Vergangenheit nachzutrauern, die unwiederbringlich vorüber ist.

Schaut zum Himmel um die Erde darauf vorzubereiten, ein Reich der göttlichen Liebe und Gerechtigkeit zu sein.
Denn dazu ist der Auferstandene in Gottes Himmel. Amen

Br. Martin Kleespies
mit Gedanken von P. Martin Löwenstein SJ