5. Sonntag der Osterzeit 2020 - Predigtgedanken

Predigtgedanken zum 5. Sonntag der Osterzeit

Schrifttexte des Tages:

  • 1. Lesung: Apostelgeschichte 6, 1-7
  • 2. Lesung: 1. Petrusbrief 2, 4-9
  • Evangelium: Johannes 14, 1-12

Liebe Schwestern und Brüder,

dies werden hoffentlich die letzten Predigtgedanken sein, die man ausschließlich im Internet lesen kann. Ab dem nächsten Sonntag, 17.5. wird es zunächst einen Wortgottesdienst geben, in der Hl. Geist-Kirche um 10:30 Uhr. (Wichtige Hinweise zur Teilnahme finden sie auf dieser Homepage unter „Gottesdienste“). Wie es danach weitergeht werden wir anschließend an diesen Gottesdienst entscheiden und dann hier und per Aushang bekannt machen..

In diesen Tagen denken wir an den 75. Jahrestag des Kriegsendes und daran, was der 2. Weltkrieg an Leid, Tod und Zerstörung gebracht hat. Das, was wir in diesen Tagen durch ein kleines Virus erleben mussten und müssen, lässt sich damit nicht vergleichen. Dennoch ist Corona für uns alle eine sehr einschneidende Erfahrung.
So vieles gerät in Bewegung, Gewohntes ist nicht mehr möglich, ja wird sogar verboten und in vielen Bereichen unseres Alltags müssen wir uns gründlich umstellen.

Ähnlich ging es den ersten Christen, von denen die Apostelgeschichte heute berichtet. Sie hatten natürlich keine Coronakrise, aber auch ihre Existenz hatte sich radikal verändert: nämlich durch die Annahme des christlichen Glaubens. Dies bedeutete, die Verbindung zur jüdischen Herkunftsgemeinde abzubrechen und fortan vieles im Leben anders zu handhaben. Die junge christliche Gemeinde wuchs trotzdem rasch und auch deshalb war vieles ständig im Umbruch und musste neu gedacht werden.

Heute ist es die Überlastung der Apostel, die zum Problem geworden ist. Die Zahl der Witwen war so groß geworden, dass sie nicht mehr beides schafften: Predigtdienst und Caritas. Bemerkenswert ist, wie sie damit umgehen: sie rufen die Gemeinde zusammen und bitten die Leute um Hilfe. Als Ergebnis dieser Versammlung haben wir bis heute die Diakone, deren erste Aufgabe die tätige Nächstenliebe ist.

Die wichtigste Aufgabe der Apostel, den Osterglauben weiterzutragen, ihn über die Grenzen von Jerusalem hinaus bekannt zu machen durfte nicht vernachlässigt werden. Ebensowenig aber sollte die tätige Nächstenliebe und Fürsorge für die Armen, Einsamen und Bedürftigen zu kurz kommen.

Es geht hier nicht darum, dass die Apostel Eucharistiefeiern hätten vorbereiten und halten müssen. Das gab es noch nicht in der Form, wie wir es heute kennen. Stattdessen traf man sich in kleinen häuslichen Gemeinschaften, brach das Brot miteinander in der Erinnerung an Jesus. So wurde seine Nähe spürbar durch die Nähe der Glaubensgeschwister. Ganz bestimmt haben auch die Apostel an solchen Mahlfeiern teilgenommen und diese dann geleitet. Aber ebenso taten das auch viele andere Hausälteste und Familienoberhäupter. Denn damals gab es noch nicht die kirchliche Hierarchie, die das Volk in „Laien“ und „Geweihte“ (Bischöfe, Priester und Diakone) unterteilt hätte.
Man lebte noch das, was der erste Petrusbrief sagt, und zwar zu allen Getauften: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ Basis für alles war nicht ein Studium und schon gar keine formale Weihehandlung, sondern das, was wir heute bei Johannes lesen: „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“

Der Glaube an Jesus Christus, die eigene persönliche Beziehung zu ihm, grundgelegt in der Taufe, das ist die Basis für alles. Mehr ist streng genommen nicht nötig.

In diesen Tagen fehlt uns wegen Corona die eucharistische Mahlgemeinschaft im Gemeindegottesdienst. Viele leiden darunter und einige fragen jetzt auch, warum wir nicht so schnell wie möglich wieder damit anfangen.

Wir in St. Bonifatius haben uns entschieden, damit noch etwas zu warten, aus Gründen, die Sie auf dieser Homepage nachlesen können, unter „Gottesdienste“.
Für mich ist das aber nicht alles.
Im Hinblick auf die Zukunft nach dem „Pastoralen Weg“, den wir gerade gehen und der mit einer vielfachen Zusammenlegung von Gemeinden einhergehen wird, wird es höchste Zeit, dass wir uns neu auf das besinnen, was uns diese Schrifttexte sagen und was Paulus den Getauften in seinen Gemeinden mit diesen Worten zuruft: „Ihr seid der Tempel Gottes, in euch wohnt Gottes Geist!“

Die sonntägliche Eucharistiefeier ist natürlich ein wichtiger Ort, um Gemeinschaft mit dem Auferstandenen und untereinander zu erfahren. Aber sie ist nicht der einzige. Und das haben wir durch die Praxis der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte hier bei uns vergessen.

In anderen Teilen der Welt war und ist das anders: im Amazonasgebiet in Brasilien haben viele Gemeinden wegen des Priestermangels nur alle ein bis zwei Jahre Gelegenheit, Eucharistie zu feiern mit einem Priester. Sie leben ihren Glauben dennoch und haben ihre Wege dafür gefunden.
Eine alte Frau, deutschstämmige Auswanderin aus Russland, hat mir erzählt, dass in ihrem Dorf immer die Großmütter ihre Enkel getauft haben, weil es keine Priester gab. Auch dort ist der Glaube nicht untergegangen, sondern im Gegenteil stark und lebendig geblieben.

Warum nutzen wir die Coronakrise nicht zu einem Lernprozess, der uns dazu führt, unsere eigene religiöse und spirituelle Kompetenz wieder neu zu entdecken und zu vertiefen? Mit verschiedenen Anregungen zu kleinen familiären Gottesdienstfeiern gibt unsere Homepage ihnen dazu Hilfestellung.

Ich weiß, es ist nicht einfach, mit den Menschen, mit denen man seinen Alltag teilt über den persönlichen Glauben zu sprechen. Wenn man das nicht gewohnt ist, will es erst gelernt sein. Ich möchte Sie ermutigen, es zu versuchen. Denn es lohnt sich. Ich kann mich noch heute erinnern, wie die ersten Gottesdienste, die ich selbst vorbereiten und halten musste für mich auch ganz persönlich eine Vertiefung des Glaubens gebracht haben. Sie haben auch dazu geführt, dass ich heute Gottesdienste, an denen ich als Besucher teilnehme ganz anders mitfeiern kann, bewusster und konzentrierter.

Wenn Sie dafür Hilfestellung wünschen, so wenden Sie sich gerne an mich oder an Frau Haas oder Frau Franz vom Seelsorgeteam unserer Gemeinde.

Nach Wochen und Monaten der Abstinenz werden wir sicher in naher Zukunft wieder gemeinsam Eucharistie in unseren Pfarrkirchen feiern können; wenn die Sicherheit vor Ansteckung so zugenommen hat, dass niemand mehr Angst haben muss sein Nachbar könnte ihn infizieren. Nutzen wir die Zeit bis dahin, um auf diese Weise den Glauben zu vertiefen; dann wird der „Neustart“ hoffentlich mehr sein als einfach nur die lange erwartete Wiederaufnahme einer alten Gewohnheit. Wir werden das, was Eucharistie uns schenken will dann hoffentlich neu und tiefer erfahren können.

Ihnen und den Menschen die Sie lieben wünsche ich auch im Namen von Frau Haas und Frau Franz ein gesegnetes Wochenende,

Ihr

Br. Martin Kleespies, Pfr.