2. Sonntag der Weihnachtszeit, 3.1.2021 - Predigtgedanken

Früher war das noch ganz ausgeprägt: Feine Leute erkannte man an ihren gepflegten Händen.
Wer sich die Hände nicht schmutzig machen musste, der war wohl etwas Besseres.

Und: „Sich die Hände schmutzig machen“ ist sogar zum Synonym dafür geworden, etwas unanständiges zu tun.

Liebe Schwestern und Brüder,

genau genommen war das nicht nur früher so.
Dieses Denken steckt eigentlich immer noch tief drin in unseren Köpfen.

"Mein Kind soll es einmal besser haben."
sagen viele Eltern,
und meinen damit in der Regel,
dass es einen Beruf ergreifen soll,
der nicht von körperlicher Arbeit,
sondern von geistiger Tätigkeit geprägt ist.

Natürlich sagt man bei uns auch:
„Handwerk hat goldenen Boden“ - wer ein gutes Handwerk erlernt, dessen Auskommen ist gesichert.

Das wird noch dadurch verstärkt,
dass gut ausgebildete Handwerker inzwischen Mangelware sind.

Während Hunderttausende von Jugendlichen in die Gymnasien und auf die Universitäten getrieben werden,
wo sie sich schwer tun,
gibt es inzwischen bei uns kaum noch gut ausgebildete Facharbeiter,
aber jede Menge arbeitslose Akademiker.

Unterstützt wird diese Praxis und diese Vorstellung von der Tatsache,
dass geistige Tätigkeit bei uns ja auch sehr viel besser bezahlt wird als körperliche Arbeit.

Aber warum denn eigentlich?

Weil es bestimmte Fähigkeiten und Talente bräuchte, um solche Arbeiten ausüben zu können?
Die braucht es bei körperlicher Tätigkeit doch mindestens genauso.

Der Grund für die bessere Bezahlung liegt - denke ich - ganz einfach darin,
dass diese Tätigkeiten eben als höherwertig gelten,
weil der Geist eben mehr wert sei als alles Körperliche, Leibliche, Materielle.
So denkt man bei uns schon seit Ewigkeiten.

Seit das frühe Christentum sich von bestimmten griechischen Philosophen einflüstern ließ,
dass alles körperliche minderwertig
und das Beste am Menschen nur sein Geist sei,
seitdem werden geistige Fähigkeiten höher geschätzt-
und damit eben auch besser bezahlt.

Während der Geist zum Sitz der Tugend hochstilisiert wurde,
galten der Leib und das Fleisch als Sitz der Wollust und der Sünde.

Da aber Inbegriff der Leiblichkeit die Sexualität ist,
wurde alles Geschlechtliche dadurch von vorneherein anrüchig, schlecht und irgendwie sündhaft.

Noch weit bis in die Gegenwart hinein hat dieses Denken die Köpfe der Menschen
und nicht zuletzt die Beichtspiegel unserer kirchlichen Praxis beherrscht:
Der Geist allein zählt, das Fleisch ist schlecht.
Es muss überwunden werden.

Kann das christliches Denken sein?
Was sagt die Bibel dazu?
Gottes Wort und seine Offenbarung an uns, was sagen die?

Nun, wir hören es an Weihnachten:

"Und das Wort ist Fleisch geworden!“
Diese wichtige Aussage des Johannesevangeliums hören wir in der Weihnachtszeit gleich mehrere Male.

Gott selbst wird leib-haftig!!

Er spaziert gerade nicht als reiner Geist durch diese Welt,
sondern wird Fleisch
und wächst auch noch in einem Handwerksbetrieb heran.

Das ist fast so, als ob Gott selbst diesem klassischen Denken eine Abfuhr erteilen möchte!

Wer Fleisch und Leib als minderwertig betrachtet, der wird hier von Gott selbst eines besseren belehrt.

Und das ist nicht einmal etwas Neues.

In der Menschwerdung seines Sohnes macht Gott uns lediglich deutlich,
was uns seit Anbeginn der Schöpfung eigentlich klar sein sollte:

Alle Dinge dieser Welt,
die Materie,
die Körper,
alles Fleisch, sie sind von Gott geschaffen.

Und er selbst hat dazu gesagt, dass sie gut sind.

Wir Christen haben das offensichtlich vergessen oder nie so richtig ernst genommen.

Ganz anders die Juden:
Sie haben nie den Fehler begangen, den Geist so einseitig zu überhöhen.
Selbst der Rabbi, der Geistesarbeiter,
selbst er musste ein Handwerk lernen,
um auf beiden Beinen: mit Leib und Geist,
ganz fest auf dem Boden zu bleiben.

Ein Christentum, das eine wie auch immer geartete Leibfeindlichkeit propagieren würde,
hätte Gott nicht verstanden.

So wie ein gesunder Geist einen gesunden Körper braucht, in dem er wohnt,
so braucht auch unsere Kirche ein gesundes Verhältnis zu Leib und Körper,
sonst ist der Glaube, den sie propagiert, auch kein gesunder Glaube.

In Jesus ist Gottes Wort Fleisch geworden,
denn Gott hat offenbar keine Schwierigkeiten mit dem Fleisch.

Er hat damit genauso wenig Schwierigkeiten wie mit Sinnlichkeit und Sinnenfreude,
denn schließlich war er es, der dies alles geschaffen hat
und der dazu selbst gesagt hat, dass es gut sei.