12. Sonntag im Jahreskreis - Predigt

21.06.2020 - 12. Sonntag im Jahreskreis - Predigt

Liebe Schwestern und Brüder,

Von Madeleine Delbrêl stammt ein kleines Gedicht über das menschliche Herz,
es trägt den Titel „IN JEDEM MENSCHEN“

und es lautet:

Dass das menschliche Herz
überall das gleiche ist:
in der Vielfalt der Stämme und Nationen,
in jedem Menschen,
ganz gleich,
welche Erde seinen Leib gebildet,
seine Sinne geformt,
sein Temperament gestaltet
und seinen Geist geprägt hat.

Dass das menschliche Herz überall das gleiche ist!!!

Das ist hochaktuell in unserer gegenwärtigen Diskussion über Rassismus,
über so genannte Überfremdung durch Ausländer,
denn es sagt ganz klar,
dass es die behaupteten grundsätzlichen Unterschiede nicht gibt,
niemand hat aufgrund seiner Herkunft, Religion oder Hautfarbe schon ein bestimmtes Wesen, das sich von dem anderer Menschen generell unterscheidet.

Dass das menschliche Herz überall das gleiche ist!!!

das hilft uns auch, das Evangelium heute zu verstehen.

Offenbar geht Jesus davon aus, dass dieses unser menschliches Herz im Grunde seines Wesens ängstlich ist.

Vielfach bedroht durch Armut, Verlust geliebter Personen, Krankheit, Ablehnung, Verfolgung und Tod.

Weil das uns alle betrifft, macht Jesus es zum Thema.

Kein Spatz fällt auf die Erde „ohne den Willen eures Vaters!“
Wir sind alle in Gottes Hand.

Das heißt:
es gibt kein blindes Schicksal, keine finstere Bedrohung,
sondern letztlich sind wir alle in Gottes Hand - und die ist liebevoll und gütig.

Das sind sehr schöne Sätze aus dem Evangelium -
aber losgelöst und absolut gesetzt sind sie mit Vorsicht zu genießen.

Denn einem Menschen, der gerade eben einen schlimmen Verlust erlebt hat,
dem man die Nachricht vom Tod einer geliebten Person überbracht hat,
oder der gerade eine schlimme ärztliche Diagnose gestellt bekam,
einen solchen Menschen kann man schwerlich damit trösten,
dass in Gottes Hand letztlich alles Leid einen Sinn hat.

Jesus will hier auch keine billige Vertröstung,
er selbst weiß es ja am besten, dass ihm nachzufolgen Kreuzesnachfolge ist.

Auch Jesus hat vor Angst und -Schmerz geschrien -
aber zu seinem Vater, nicht aus blinder Verzweiflung!

Keine Angst haben zu müssen bedeutet für Jesus nicht Beschwichtigung und Beruhigung gegen alle schlimme Erfahrung,

Keine Angst haben zu müssen bedeutet hier:

„Du musst kein Held sein, sei einfach nur du selbst und lebe das vom Evangelium, was Du kannst, das genügt! (Roger Schütz)

Die Angst im Leben - und übrigens auch der Zweifel - wird immer unser Begleiter sein.

Unser menschliches Herz ist so gestrickt und die Evangelien sprechen die Angst auch immer wieder ganz offen an.

Die ersten Jünger hatten das gleiche menschliche Herz wie wir - also hatten auch sie Angst.

Jesus will ihnen und damit uns einen Weg zeigen, diese Angst zu überwinden.

Er selbst hat sich in seiner Angst ganz fest an den Vater gebunden in seinen Gebeten.

So hatte er einen festen Halt und wusste: er hat nichts zu verlieren, selbst nicht in der Todesangst.

Paulus ruft uns später zu:
Wer kann gegen uns sein, wenn Gott doch an unserer Seite ist?!

Anstelle von Angst haben Gläubige Menschen die Gottesfurcht.

Das ist keine Angst, sondern die tiefe Gewissheit, in einer inneren, liebevollen und achtsamen Verbindung mit Gott zu stehen,

Nicht einmal ein Haar fällt uns aus, ohne den Willen unseres Vaters im Himmel!

Diese Zusage kann uns die uns banalen Lebensängste zwar nicht nehmen,
aber sie hilft uns, sie zu ertragen und zu überwinden.

So wird unsere zerbrechliche und ängstliche menschliche Natur in Gott gehalten.

Das nennt man dann Vertrauen.

 

Allen, die wegen der Infektionsgefahr zu Hause bleiben möchte ich auf diesem Weg ganz herzliche Grüße senden,

einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche

Ihr

Br. Martin Kleespies, Pfr.