Predigt am Erlensee 2020

Evangelium und Predigt beim Ökumenischen Gottesdienst am Erlensee
am 14.06.2020
Veranstalter: CiB (Christen in Bickenbach)

Liebe Gemeindemitglieder,
da ich für den diesjährigen Gottesdienst am Erlensee als Prediger angefragt war, finden Sie diese Woche nicht die Predigt zum aktuellen Sonntag im Jahreskreis, sondern zum Thema des Gottesdienstes: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

 

(Predigttext) Mk 9, 14-29

Als sie zu den anderen Jüngern zurückkamen, sahen sie eine große Menschenmenge um sie versammelt und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten.
Sobald die Leute Jesus sahen, liefen sie in großer Erregung auf ihn zu und begrüßten ihn.
Er fragte sie: Warum streitet ihr mit ihnen?
Einer aus der Menge antwortete ihm: Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht.
Er ist von einem stummen Geist besessen; immer wenn der Geist ihn überfällt, wirft er ihn zu Boden und meinem Sohn tritt Schaum vor den Mund, er knirscht mit den Zähnen und wird starr.
Ich habe schon deine Jünger gebeten, den Geist auszutreiben, aber sie hatten nicht die Kraft dazu.
Da sagte er zu ihnen: O du ungläubige Generation!
Wie lange muss ich noch bei euch sein?
Wie lange muss ich euch noch ertragen?
Bringt ihn zu mir!
Und man führte ihn herbei.
Sobald der Geist Jesus sah, zerrte er den Jungen hin und her, sodass er hinfiel und sich mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzte.
Jesus fragte den Vater: Wie lange hat er das schon?
Der Vater antwortete: Von Kind auf;
oft hat er ihn sogar ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen.
Doch wenn du kannst, hilf uns; hab Mitleid mit uns!
Jesus sagte zu ihm: Wenn du kannst?
Alles kann, wer glaubt.
Da rief der Vater des Knaben: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
Als Jesus sah, dass die Leute zusammenliefen, drohte er dem unreinen Geist und sagte:
Ich befehle dir, du stummer und tauber Geist: Verlass ihn und kehr nicht mehr in ihn zurück!
Da zerrte der Geist den Knaben hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.
Er lag da wie tot, sodass alle Leute sagten: Er ist gestorben.
Jesus aber fasste ihn an der Hand und richtete ihn auf und er erhob sich. Jesus trat in das Haus und seine Jünger fragten ihn, als sie allein waren: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben?
Er antwortete ihnen: Diese Art kann nur durch Gebet ausgetrieben werden.

 

Predigt

Liebe Geschwister,

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben.“
Das ist ein etwas ungewöhnlicher Satz.
Ungewöhnlich, weil Glaube und Unglaube hier keinen Gegensatz bilden,
weil der Mann sich gleichzeitig zu beidem bekennt.
Schauen wir uns also die Geschichte an, aus der dieser Vers genommen ist. Sicher

Der Vater traut nach dem Erlebnis mit den Jüngern auch Jesus selbst nicht unbedingt zu, dass er helfen könnte:
„Wenn du... kannst, so erbarme dich unser und hilf uns“ (9,22), fordert er ihn auf.
Jesus nimmt die Herausforderung an und gibt den Schwarzen Peter gleich wieder zurück.
Markus schreibt:
„Jesus aber sagte zu ihm: „Du sagst: Wenn du kannst!

Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ (9,23).

Und damit wird aus einem Heilungsproblem ein Glaubensproblem.

Die Verbindung von Heilung und Glaube ist nicht neu, ich habe sie jedenfalls schon öfter gehört oder gelesen.
Schon Placebos beweisen, dass allein der Glaube an die Wirkung schon hilft, manche Krankheit zu überwinden

Glaube versetzt Berge, heißt es dann, oder wie hier bei Jesus: Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt.

Aber ist es wirklich so einfach?

Ich frage mich, ob wir diesen Satz überhaupt richtig verstehen können,
weil ich vermute, dass uns gar nicht so klar ist, was Jesus genau meint, wenn er von Glauben redet.

Wir denken heute oft technisch und funktional,
wir fragen auch dann, wenn es um Glauben geht, vor allem nach dem Wie,
nach dem richtigen Maß.
Wie tief und wie fest muss mein Glaube sein, damit er wirkt,
das sind typische Fragen für die Menschen unserer Zeit.

So betrachtet, wird Glaube zu etwas messbarem.

Je mehr Glaube da ist, desto weniger wird der Unglaube, und umgekehrt.

Im Idealfall ist das wie bei einem Glas:
Wenn jemand glaubt, ist es bis zum Rand gefüllt, wenn man nicht glaubt, ist es leer.
Je mehr Glaube, desto weniger Unglaube.

So eine Vorstellung lädt natürlich ein, Glauben als etwas messbares zu verstehen.
Wenn genug davon da ist, kommt die Heilung zustande,
wenn noch etwas fehlt, wird eben nichts daraus.

Mit diesem Verständnis ist übrigens auch eine typische Frustration verbunden:
Wenn es um ein Maß an Glauben geht, das erreicht werden muss,
dann spielt es überhaupt keine Rolle, um wie viel dieses Maß verfehlt wurde, wenn es nicht erreicht worden ist.
Es ist also egal, ob unser Glaubensbecher komplett leer ist,
oder wir so viel Glauben haben, dass es gerade eben für eine Heilung nicht reicht.
Das Ziel ist verfehlt, es ist nicht genug.

In dieser Zwickmühle scheint sich auch der Vater zu befinden,
der in unserer Geschichte seinen Jungen zu Jesus gebracht hat,
damit der ihn heilt.

Er steht ja vor diesem „Wann ist mein Glaube denn genug“-Dilemma.

Weil sein Kind nach seiner Aussage bereits seit seiner Geburt krank ist,
liegt vermutlich eine lange Geschichte vergeblicher Gebete um Heilung hinter ihm.
Wahrscheinlich hat er oft dafür gebetet, im Lauf der Jahre vielleicht Hunderte, wenn nicht Tausende von Malen.

Aber leider hatten all seine Gebete eines gemeinsam: Sie waren nicht genug, sie haben den Becher nicht voll gemacht.
Sein Glaube reicht offensichtlich nicht aus.

So betrachtet kann die Aussage Jesu, „Alle Dinge sind dem möglich, der glaubt“, den armen Mann ja nur in Verzweiflung stürzen.

Und so schreit er Jesus all sein Elend und seine Verzweiflung auch ins Gesicht, wie der Evangelist berichtet:
„Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (9,24)

Und genau dieser Satz zeigt ganz klar:
man kann Glauben nicht als etwas messbares verstehen.

Denn da macht er keinen Sinn.

Denken Sie noch einmal an das volle oder leere Glas:

Da kann man dem Mangel nicht „helfen“, im Gegenteil, man muss ihn beseitigen indem man das Glas füllt.
Wenn man Glauben als messbare Größe versteht, dann könnte der Vater so etwas ausrufen wie:
„Ich glaube ja ein bisschen“ –– „schenke du mir den Rest!“

Genau das sagt er aber nicht, statt dessen bekennt er nicht nur seinen Glauben,

sondern bittet Jesus auch seinem Unglauben zu „helfen“.

Glaube und Unglaube müssen also zusammenhängen,
ja, der Unglaube muss sogar so etwas wie die Vorstufe des Glaubens sein. Wenn man ihm hilft, wächst also auch der Glaube.

Wie das gemeint ist,
können wir nur verstehen, wenn wir uns von den üblichen Vorstellungen verabschieden,
von all dem Fragen nach Maß und Inhalt des Glaubens.

Hier geht es nämlich um etwas, was uns aus dem zwischenmenschlichen Bereich bekannt ist, es geht um Vertrauen,
um Liebe,
um Hingabe.

Bei all diesen Begriffen stellt sich die Frage nach dem Maß gar nicht.

Entweder ich vertraue oder ich vertraue eben nicht,
ich liebe oder ich liebe nicht,
ich gebe mich hin oder halte mich zurück.

Natürlich kann all das unterschiedlich intensiv ausfallen,
aber es gibt eben kein Maß,
das man mindestens überschreiten muss,
um zu glauben, zu vertrauen oder zu lieben

Das ist nicht messbar und außerdem:.
Vertrauen, lieben und hingeben kann man sowieso nie genug.

Die Illustration mit dem Glas ist deshalb falsch, weil sie uns auf völlig falsche Gedanken bringt.
Worum es wirklich geht, ist folgendes:

Da kommt ein Mensch in einer Notlage zu Jesus und vertraut darauf, dass der ihm heraushelfen kann.

Alles, was dem Vater bleibt, ist diese Hoffnung.
verschiedene Wunderheiler hat er schon ausprobiert,
Gebet scheint auch nicht zu funktionieren, selbst die Jünger Jesu haben versagt.

Aber vielleicht, ganz vielleicht kann Jesus etwas tun.

So betrachtet, macht es Sinn, dass hier sowohl vom Glauben wie vom Unglauben die Rede ist.

Glaube ist also nicht das Gegenteil von Zweifel, sondern die andere Seite der selben Medaille.

Ich weiß einerseits aus tiefstem Herzen, dass Gott mich liebt und annimmt,
dass er so auf meiner Seite ist, dass nichts uns jemals wieder trennen kann – aber das bedeutet im Alltag,
dass ich mich trotz dieser Gewissheit immer wieder mit dem Zweifel auseinandersetzen muss,
dem Unglauben,
denn vielleicht, ganz vielleicht kann man Gott ja doch nicht so vertrauen.

In den Glauben eingeschlossen ist immer auch die Erkenntnis, dass Gottes Wege unergründlich sind,
dass er häufig andere Pläne für mich hat als ich selbst.

Genau das ist ja auch der Grund für den Unglauben.
Ich vertraue Gott, ahne aber gleichzeitig auch, dass er andere Ziele verfolgen könnte als mir lieb ist.

„Ich glaube“ – das heißt in diesem Sinn:

Ich vertraue auf Gott;
ich weiß, dass er mich liebt;
dass er es gut mit mir meint;
dass er mich annimmt, so wie ich bin;
dass er sich meiner erbarmt, egal, was auch geschehen mag.

„Hilf meinem Unglauben“ – das heißt:

Gleichzeitig sehe ich, wie schwer es mir fällt, an diese vollkommene Hingabe zu glauben;
wie sehr ich Gott trotz allem misstraue;

Herr, Hilf uns, diesen Unglauben, dieses Misstrauen, nicht einfach zu leugnen und beiseite zu schieben,
sondern offen anzusprechen und anzugehen, denn nur so kann der Glaube wachsen.

In diesem Sinne wünsche ich uns , dass wir mehr als einmal von ganzem Herzen ausrufen können:

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Und dass wir auch mehr als einmal erleben und erfahren, dass Gott für uns ist und uns bedingungslos liebt,
so wie der Vater in unserer Geschichte es erleben durfte. Amen.