Predigt vom 15.7.2018

Jesus rief alle die ihm nachfolgen wollten zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, unreine Geister auszutreiben, und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen.
Keine akademischen Grade und Titel,
keine Versicherungen für das Leben oder für sonst etwas,
keine Kreditkarten,
nichts, was nicht jeder andere auch hat.

Liebe Schwestern und Brüder,
das was Jesus damals gefordert hat war eine ungeheure Herausforderung, das merkt man, wenn wir den Text einmal aktualisieren.
Eigentlich konnte es schon damals so nicht funktionieren. Was die alte Einheitsübersetzung mit „zweites Hemd“ übersetzt war in Wahrheit wahrscheinlich der Mantel oder Umhang, der für eine Übernachtung dringend nötig war, denn im Bergland von Judäa werden die Nächte kalt.
Es ging Jesus nicht so sehr darum, bestimmte Gegenstände sozusagen zu verbieten, es ging ihm um eine innere Haltung:
Nichts mitzunehmen, was von den Menschen, denen sie begegnen unabhängig macht. Erst recht nichts, was den Jüngern eine besondere Stellung oder einen besonderen Rang geben könnte.
Keine Legitimation außer dem Auftrag Gottes.

Unabhängig sein von irgendeiner Institution oder Organisation, die dahinter steht, nur der Botschaft Jesu verpflichtet.
Das kann schnell zu Konflikten führen mit dem religiösen Establishment und das weitere Schicksal Jesu und vieler seiner Jünger zeigen, wie gefährlich es sein kann, sich von den Autoritäten der Religion - - genauso wie von allen anderen weltlichen Autoritäten - unabhängig zu machen, nur noch Gott verpflichtet sein zu wollen.

Wie zur Unterstreichung dieses Gedankens hören wir heute vom Schicksal des Propheten Amos.
Er hat den König und den Staat kritisiert - in Beth El, einem offiziellen staatlichen Heiligtum.
Er hat das getan, weil er sah, dass der König und die Menschen in Israel gegen Gottes Willen handelten.
Die Schwachen und Armen wurden ausgenutzt und übervorteilt von den Reichen und Mächtigen.
Das wird dem König den Tod bringen und dem Reich den Untergang - das hat Amos an diesem offiziellen Ort knallhart vorhergesagt.
Deshalb bekommt er jetzt vom leitenden Priester des Heiligtums Hausverbot und Redeverbot, ja er empfiehlt dem Amos dringend, woandershin zu fliehen.
Bezeichnend ist die Antwort des Amos:
"Ich bin kein Angestellter des Königs, ich bin unabhängig. Mein Geld verdiene ich als Bauer und den Auftrag für das, was ich sage gibt mir Gott - und sonst niemand."

Liebe Schwestern und Brüder, ich würde Ihnen das nicht so ausführlich erzählen, wenn es nur um einen Auftrag ginge, den Jesus damals einer Handvoll Jünger gegeben hätte.

Denselben Auftrag gibt er aber heute uns, den Jüngerinnen und Jüngern, die jetzt da sind, um seine Mission weiterzuführen.

Wenn wir ehrlich sind, ist er genauso unbequem, wie seinerzeit das Wort des Propheten Amos. Unsere Kirche heute macht fast in allen Punkten das Gegenteil von dem, was Jesus damals wollte: Jüngerinnen und Jünger werden nicht zu zweit oder in Teams ausgesendet, sondern generell alleine, jede und jeder hat vor Ort sein Revier, seine Zuständigkeit und viele wursteln völlig alleine vor sich hin. Wir haben alle feste Gehälter, Häuser, Autos, Versicherungen gegen alle Risiken. Voraussetzung für die Verkündigung ist nicht mehr nur, dass Gott einen Menschen beruft, Voraussetzung sind akademische Grade und praktische Ausbildungen, dutzende von Prüfungen und nicht zuletzt die Sendung durch eine kirchliche Autorität. Wer sich in seiner Verkündigung nur auf Gott beruft und einfach loszieht, der ist heute genauso ein Paradiesvogel und vielleicht auch Spinner wie damals.

Mit seiner Sendung hat Jesus auch eine Vollmacht mitgegeben: Die Unreinen Geister auszutreiben.
Es wurde viel darüber nachgedacht, was diese unreinen Geister sein mögen.

Was heißt das?

Das heißt, dass Jesus damals wie heute uns zuruft:
Wenn ihr den Menschen ganz einfach und auf Augenhöhe begegnet, geschwisterlich, ohne akademische Sockel, luxuriöse Lebensführung oder was sonst noch einen direkten menschlichen Kontakt verstellen könnte, dann - und wahrscheinlich NUR dann - könnt ihr das Evangelium glaubwürdig verkünden:
Dass nämlich all die bösen Geister, unter denen die Menschen leiden von Gott her überwunden werden können.
Dass es möglich ist, dass Menschen frei von der Angst sind, unrein zu sein, nicht gut genug zu sein, nicht genug zu leisten und zu können. Dass Menschen frei sind von dem Zwang, etwas darstellen zu müssen, etwas vorweisen zu können, sich zu rechtfertigen, für das, was sie sind.
Eine revolutionäre Botschaft, die in unserer etablierten und wohlbestallten Kirche nicht gerne gehört wird.
Aber sie steht im Evangelium, wir sollten sie uns zu Herzen nehmen.